Urteil zu Lehman-Zertifikaten: Telefonberatung ist falsche Beratung

Der Kampf um Schadensersatz für Lehman-Anleger geht in die nächste Runde. Am Mittwoch gewann eine Geschädigte zum ersten Mal vor einem Oberlandesgericht. In zweiter Instanz bestätigte das OLG Frankfurt den Schadensersatzanspruch der Klägerin, deren verstorbener Ehemann 2007 bei der Frankfurter Sparkasse Lehman-Zertifikate im Wert von 7.000 Euro gekauft hatte und mit der Pleite der Investmentbank im September 2008 alles verlor.

Das OLG begründete seine Entscheidung damit, die Sparkasse hätte ihre Aufklärungspflicht verletzt, indem sie telefonisch den Kauf von Lehman-Zertifikaten empfohlen hatte. In einem Telefongespräch könne man keine ausreichende Beratung zu einem solch komplizierten Anlageprodukt geben. Damit habe die Sparkasse ihre Aufklärungspflicht verletzt.
Das Gericht stellt jedoch auch klar, dass das Urteil keinen Präzedenzfall darstellt: „Jeder Einzelfall müsse gesondert auf das Vorliegen einer Aufklärungspflichtverletzung der beratenden Banken hin geprüft werden.“

Was bedeutet dieses Urteil für andere Geschädigte?

Laut Rechtsanwalt Andreas Eickhoff von der auf Bankrecht spezialisierten Kanzlei HEE Rechtsanwälte könnte das Urteil Signalwirkung auf vergleichbare Fälle haben:

„Setzt sich das Urteil durch, ist der Kern auf viele Fälle, in denen Bankkunden zu komplexen Produkten beraten worden sind, übertragbar. Gerade in den Fällen telefonischer Beratung, die von der Beweislage eher schwierig sind, könnte das Urteil einen Umbruch bedeuten. Nun bleibt der Inhalt der vollständigen Entscheidungsgründe abzuwarten, die derzeit noch nicht vorliegen“.

40.000 Lehman-Anleger verloren 692 Millionen Euro

Nach Schätzungen der Verbraucherzentrale Hamburg gibt es in Deutschland 40.000 Lehman-Opfer mit einer Schadenssumme von insgesamt 692 Millionen Euro. Falsch beraten wurden vor allem Kunden der Frankfurter und Hamburger Sparkasse, der Citibank, der Dresdner Bank und der Postbank. Die meisten Betroffenen sind ältere Anleger, die aufgrund ihres Alters eine konservative Anlagestrategie verfolgten, von ihren Banken allerdings Zertifikate zum Kauf erhielten, die mit sicheren, festverzinslichen Wertpapieren nicht vergleichbar sind.

Viele haben, aus Angst bei einer Klage gegen ihre Bank alles zu verlieren, bereits Vergleichsangebote angenommen. Nach Ansicht von Rechtsanwalt Eickhoff ist ein Vergleich vor allem dann von Vorteil, wenn sich Geschädigte schnell Rechtssicherheit verschaffen wollen. Die Vergleichsbereitschaft der meisten Banken sei aber in solchen Fällen immer noch nicht ausreichend: „Es wird unter Umständen weiterer ober- und höchstrichterlicher Entscheidungen zugunsten von Anlegern bedürfen, um hier eine flächige Vergleichsbereitschaft der Banken zu erzeugen.“

Letzte Runde: Bundesgerichtshof

Wenn die Frankfurter Sparkasse in Revision geht, wird der vorliegende Fall vom Bundesgerichtshof entschieden. 17 Monate nach der Jahrhundert-Pleite der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers bleibt aber die Hoffnung für viele Geschädigte, doch noch ihr Geld zurück zu bekommen. GELD kompakt drückt die Daumen für die Lehman-Opfer und empfiehlt allen Banken eindringlich, in Zukunft die Finger von Telefonberatung zu lassen ;-).

Link-Tipp: Falsche Bankberatung mit dem Anlageprotokoll nachweisen

5 Gedanken zu “Urteil zu Lehman-Zertifikaten: Telefonberatung ist falsche Beratung

  1. Auch das kürzliche OLG Fft/Main-Urteil läßt BGH-Revision zu und bezieht sich strickt auf die Einzelfallbewertung. Die Richterin kneifft ebenfalls vor der Bewertung systematischer Vertriebsmängel hinsichtlich der Nutzung der Struktur der Lehman Brothers-Zertifikate sowie hinsichtlich des ineinandergreifenden Mechanismus interpretationsanfälliger Kundenprofilierung und risikoverscheiernder Produktklassifizierung. Hier hat der Investment-Vertrieb regelmäßig aus nachweisbaren Eigeninteressen unter Nutzung des Vertrauensbonus vieles „passend“ gemacht, was eigentlich bei keinem Privat-Anleger passend war und ist. Hier hat die Bundesregierung den Privatanleger ungeschützt und vorhersehbar in die Fänge dubiosester Anlagekonstruktionen getrieben. Die propagierte Kontrollfunktion der BaFin war angesichts nicht vorhandener inhaltlicher Kontrolle eine schlichte Täuschung des Privat-Anlegers. Auch anzeigenabhängige Medien haben bis heute hier keiner
    wirklichen Aufklärung gedient. Eine für den Anleger weitgehend sinnlose und risikoreiche Emittentin/Garantin-Konstruktion bei den der LB-Zertis in Verbindung mit Bonität vortäuschenden Formulierungen in den Produktunterlagen, oft schlichte Weitergabe längst als zweifelhaft bekannter Garanten-Ratings statt eigener, fachlich versierter Rechercheleistung, oft direkte Interessenverquickung von Garantin und Vertriebspartner … all diese stets gleichen systematischen Mängel werden immer noch nicht vor den Gerichten gewürdigt- immer noch bezieht man sich lieber auf extreme Kommunikations-und Anlegerkriterien im Einzelfall statt auf die generellen Vertriebsmechanismen. Ist
    es die schlichte Angst vor dem Dammbruch im gesamten Investmentvertrieb für Privat-Anleger, die unsere angeblich
    doch so unabhängigen Gerichte lähmt!

  2. In absoluten Zahlen sind es Citybank Kunden, die größte Gruppe die mit Lehmann Zertifikaten geprellt wurden.
    Aber einE Bank die ständig ihren Namen wechselt, von ursprünglichen Namen vergessen, in Citibank, in Citybank und jetzt in Targobank kann man nicht allzu viel Seriösität erwarten.
    Gast

  3. @Gast!

    Leider geht es wohl unter, dass die deutsche Citibank seit Ende 2008, sprich nach dem Ausbruch der Finanzkrise, einer französischen Bank gehört! Warum die nicht sofort den Namen, beim Kauf, geändert haben, steht wohl in den Sternen. Sinnvoller wäre es sicherlich gewesen.

  4. „Warum die nicht sofort den Namen, beim Kauf, geändert haben, steht wohl in den Sternen“…allerdings! Im übertragendem Sinne der ein riesiger casino betrug.

  5. Über solche oder ähnliche Probleme könnt ihr euch auch bei informisten.de austauschen. Die Informisten Plattform ist ein europaweites, interaktives soziales Netzwerks, zum Austausch von Informationen und Erfahrungen zwischen Verbrauchern mit wirtschaftlichen und sozialen Schäden.

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